
TikTok hat einen negativen Einfluss auf die psychische Gesundheit, und zwar nicht nur auf die von Kindern.
Wie sich TikTok auf das Gehirn auswirkt
TikTok wirkt sich negativ auf das Gehirn aus. Es gibt eine Verbindung zwischen übermäßiger TikTok-Nutzung und einem Anstieg von Angstzuständen, Depressionen und Selbstwertproblemen, da Jugendliche und junge Erwachsene immer mehr Zeit auf der Plattform verbringen. Wissenschaftler schlagen bereits Alarm wegen TikTok. Sie warnen davor, dass die Endlosschleife von Videoclips das Gehirn junger Menschen stark und langfristig beeinflussen kann. Obwohl der Hersteller nun in Europa freiwillig die Belohnungsfunktionen deaktiviert hat, bleibt das grundlegende Problem bestehen.
Was problematisch an TikTok ist
Ein dominantes Thema ist, wie sich die Nutzung der App auf die Psyche ihrer Nutzer auswirkt. Die Spanne der Auswirkungen kann als besorgniserregend angesehen werden und reicht von Konzentrationsproblemen über Ängste und Depressionen bis hin zu Körperwahrnehmungsstörungen. Ein besonders typisches Phänomen haben Forscher aus China sogar als „SVD – Short Video Dependance“ bezeichnet, was auf Deutsch etwa Videoschnipsel-Sucht bedeutet.

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Welche Untersuchungen es zur Auswirkung von TikTok Videos gibt
Wenn man den Begriff „TikTok“ in der wissenschaftlichen Datenbank „Pubmed“ eingibt, liefert dies ein erstaunliches Ergebnis. Obwohl die App mit der Dauerschleife kurzer Videoclips erst seit sieben Jahren online ist, finden sich bereits mehr als 600 Studien dazu in der Datenbank, die aus aller Welt stammen.
Es gibt also viele Untersuchungen zur Auswirkungen von TikTok Videos. In einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung im Fachjournal „Heliyon“ von Forschern der Chengdu Sports University zum Beispiel nahmen 756 TikTok-Nutzer aus Chongqing und Chengdu teil. Das Ziel war es, ein Mittel gegen die TikTok-Abhängigkeit zu finden. Die Ergebnisse zeigten, dass die Probanden sich umso weniger bewegten, je länger sie ihre Augen auf die Videoclips richteten und je mehr Zeit sie vor dem Bildschirm verbrachten.
Interessanterweise half es, die Abhängigkeit vom Bildschirm zu verringern, wenn den Probanden ein anspruchsvolles Sportprogramm verordnet wurde. Die Teilnahme an regelmäßigem Sport verbesserte die Abhängigkeit der Teilnehmer von TikTok.
Videos haben Anziehungskraft
Das Ergebnis, dass die Studienmacher Sportwissenschaftler an der „School of Wushu“ liefern, ist durchaus erwartbar. Wushu ist das chinesische Wort für Kampfsport, und viele leidenschaftliche Kämpfer glauben an die mentalen Vorteile ihrer Kunst. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Studie auch, wie groß das Problem in China offenbar ist. Dort, im Mutterland der App, die auch mit Staatsgeldern gefördert wird, ist das Problem anscheinend so weit verbreitet, dass es sogar einen speziell auf TikTok zugeschnittenen Fragebogen gibt. Mit diesem sollen Ärzte das Ausmaß dieser speziellen Sucht mit der „Problematic TikTok Use Scale“ bestimmen können.
Die Nutzer der App können mühelos und rasch Videoclips erstellen. Die Vielzahl an Bearbeitungswerkzeugen, optischen Effekten und Hintergrundmusik machen die App besonders unterhaltsam. Die Videos sind in der Regel nur 15 oder 60 Sekunden lang.
Innerhalb weniger Jahre hat TikTok sich zum führenden sozialen Netzwerk unter Jugendlichen entwickelt. Die technische Besonderheit – und zugleich das Problem – ist die Künstliche Intelligenz, die dahintersteckt. Diese ist so ausgefeilt darin, die Vorlieben der Nutzer zu erkennen, dass diese förmlich in einen Sog geraten, wenn sie sich durch den Strom vorgeschlagener Videos bewegen.

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Was Kurzvideos mit dem Gehirn machen
Ein weiteres Problem besteht in der Kürze und den auffälligen Effekten der Videos. Denn Kurzvideos beeinflussen insbesondere junge Menschen und verändert ihre Wahrnehmung. Sie werden darin trainiert, ihre Aufmerksamkeit nur kurz auf eine Sache zu lenken, und das nur dann, wenn starke Reize vorhanden sind. Doch für geistiges Wachstum, nachhaltiges Lernen und das Verstehen komplexer Themen ist eine andere Art von Aufmerksamkeit erforderlich. Eine, die Ausdauer erfordert und auch von einfachen Texten fasziniert sein kann.
Wie sich TikTok auf die Schüler auswirkt
TikTok wirkt sich eindeutig negativ auf die Schüler aus. Studien deuten darauf hin, dass die Sozialplattform Kinder zu Schulversagern machen kann. Argentinische Forscher beklagen beispielsweise ein angegriffenes Erinnerungsvermögen bei Jugendlichen, die TikTok nutzen, und diagnostizieren bei ihnen „academic performance disorders“, also eine krankhafte Störung der schulischen Leistungen.
Eine neue Schwestern-App von TikTok, die zunächst in asiatischen Ländern und Mitte April auch in Frankreich sowie Spanien veröffentlicht wurde, sorgt derzeit für zusätzliche Bedenken. Sie heißt „Lite“, weil sie weniger Datenvolumen verbraucht. Allerdings verstärkt sie die Suchtwirkung, da ein Belohnungssystem integriert ist: Punkte werden für Videokonsum, Likes und das Einladen von Freunden vergeben.
Die gesammelten Punkte häufen sich nicht nur in der App an, sondern haben auch Auswirkungen im realen Leben in Form von „Münzen“. Mit diesen Münzen kann man beispielsweise bei Amazon einkaufen. Offiziell ist das Punkteprogramm erst ab 18 Jahren erlaubt, jedoch funktionieren die Altersbeschränkungen auch bei der Nutzung der regulären TikTok-App bisher nicht effektiv, da niemand sie wirksam kontrolliert.

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Wie die EU-Kommission TikTok kontrollieren will
Die EU-Kommission sah sich mit dieser Problematik konfrontiert und kündigte an, dass sie ein Verfahren einleiten werde, um zu prüfen, ob das Unternehmen die psychische Gesundheit von Minderjährigen gefährde und damit gegen EU-Regeln verstoße. Zusätzlich gab die Brüsseler Behörde ein Ultimatum aus: TikTok hatte 48 Stunden Zeit, um nachzuweisen, dass es die EU-Regeln eingehalten hat und kein ernsthafter Schaden entstanden ist. Andernfalls hätte die Behörde die Plattform angewiesen, die neuen Funktionen vorerst auszusetzen, unabhängig vom Ergebnis des Prüfverfahrens.
TikTok kam diesem Schritt zuvor und schaltete das Belohnungssystem in seiner EU-Version ab. Der Konzern teilte mit: „TikTok ist stets bestrebt, konstruktiv mit der EU-Kommission und anderen Regulierungsbehörden zusammenzuarbeiten. Deshalb setzen wir die Belohnungsfunktionen in TikTok Lite freiwillig aus, während wir die von ihnen geäußerten Bedenken ausräumen.“
Warum Belohnung süchtig macht
Belohung mach süchtig, denn Sucht und Belohnung sind im Gehirn eng miteinander verknüpft. Sucht wird als eine Störung des Belohnungssystems betrachtet, das aus Nervenzellgruppen besteht, die den Neurotransmitter Dopamin freisetzen, wenn etwas Angenehmes geschieht. Das kann beispielsweise Lob, Essen oder ein Orgasmus sein. Drogen wirken an denselben Nervenzellen, erhöhen jedoch oft die Menge an Dopamin auf unnatürlich hohe Werte. Auch Computerspiele, Glücksspiele, Wetten oder eben soziale Netzwerke können auch eine ähnliche Wirkung haben.
Durch die gesteigerte Dopaminausschüttung wird das Belohnungssystem regelrecht umprogrammiert. Es kann dann nicht mehr ohne diese starken Reize funktionieren und die Belohnungen für alltägliche Freuden verlieren ihre Wirksamkeit. Die beteiligten Netzwerke verlangen zunehmend nach dem Superreiz.
Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass unter dem Einfluss des überstimulierten Belohnungssystems auch andere Gehirnregionen umgebaut werden, sodass sich auch andere Bereiche des Gehirns auf die Beschaffung des Suchtmittels ausrichten. Dies wurde bei substanzgebundenen Süchten nachgewiesen, und es wird schon länger vermutet, dass es auch bei Computersucht ähnlich funktioniert.

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„Internetgaming ist zum Beispiel oft mit Herausforderungen, Belohnungen und persönlichen Bestleistungen verbunden“, erklärt Anne-Linda Camerini, Suchtforscherin an der Università della Svizzera italiana in Lugano, Schweiz. „Dies verleitet dazu, immer weiterzumachen. Wenn nun Herausforderungen und Belohnungen in soziale Medien integriert werden, wie zum Beispiel bei TikTok ‚Lite‘, kann diese Form der Gamification zu einer erhöhten Abhängigkeit beitragen.“ Dies erklärte sie gegenüber dem „Science Media Center“, das Forscher und Wissenschaftler zu diesem Thema befragte.
Es wird angenommen, dass nicht nur eine einzelne Funktion, sondern das Gesamtpaket, einschließlich KI-gesteuerter Algorithmen und Belohnungen durch Views und Likes, für die erhöhte Abhängigkeit verantwortlich ist. „Aus der Suchtforschung wissen wir, dass Kinder und Jugendliche erhöhte Risikogruppen sind, da bei ihnen der Bereich im Gehirn, der für die Selbstkontrolle zuständig ist – der präfrontale Cortex – noch nicht vollständig ausgebildet ist.“ Dies ist eine der Regionen, die sich unter Drogeneinfluss verändern, und diese Veränderungen sind nicht nur kurzfristig, sondern können auch bleibend sein. Besonders stark betroffen sind junge Menschen, deren Gehirn sich noch entwickelt.
Das Risiko einer TikTok-Abhängigkeit ist besonders hoch, wenn es an alternativen sozialen Strukturen mangelt. Ein Warnsignal aus Sicht von Camerini ist, wenn die App die schulischen Leistungen beeinträchtigt und das soziale Leben der Kinder und Jugendlichen stört.
Auch die Kognitionspsychologin Elisa Wegmann von der Universität Duisburg-Essen betrachtet es als zu einseitig, nur das neue Belohnungssystem von „Lite“ in den Fokus zu nehmen. Sie sieht bereits die Likes als problematisch an: „TikTok nutzt Elemente wie Kurzvideos mit dem Ziel, die Nutzer so lange wie möglich in der App zu halten, und integriert Belohnungselemente wie Likes, vermeintlich endlose Inhalte und starke Personalisierung.“ Aus anderen Studien zu diesem Thema ist bekannt, dass Likes das Belohnungssystem ansprechen und somit dazu führen können, dass eine bestimmte App weiter genutzt wird.
Der nicht endende Strom von Videos und die Personalisierung könnten dazu führen, dass man die App viel länger nutzt als beabsichtigt. Allerdings sei eine lange Nutzungsdauer noch kein Kriterium für Sucht, erklärt Wegmann. Entscheidend sei vielmehr, ob man die Nutzung einfach unterbrechen könne und ob es einen unruhig mache, wenn man keinen Zugang habe. Vor allem dann, wenn die Zeit am Bildschirm zur Flucht vor dem Alltag werde, sei es kritisch.
Sowohl Wegmann als auch Camerini machen jedoch eine Einschränkung gegenüber dem „Science Media Center“: Es gebe noch keine Studien, die all das klar für TikTok belegen. Zudem sei die App aufgrund ihrer Besonderheiten nicht ohne Weiteres mit anderen Computerprogrammen vergleichbar. Ohne spezifische Studien könne man daher nur spekulieren und nicht wissenschaftlich fundiert urteilen.
Es gibt tatsächlich solche Studien, wie die Recherche in der Datenbank „PubMed“ zeigt. Diese Studien wurden zwar noch nicht in der EU durchgeführt, aber in Ländern wie Großbritannien, den USA und vor allem in China. Von den 600 Studien, die sich mit TikTok befassen, widmen sich 60 ganz speziell den seelischen Folgen dieser App. Eine besonders aussagekräftige Studie wurde im vergangenen Jahr von Psychologen der Tianjin Normal University durchgeführt.
Die Forscher untersuchten die psychische Gesundheit von 1147 Nutzern im Vergleich zu 199 Personen, die TikTok nicht nutzen. Sie kamen zu dem Schluss: „Suchtkranke Konsumenten wiesen einen schlechteren psychischen Gesundheitszustand auf als Nichtkonsumenten und moderate Konsumenten. Dies äußerte sich unter anderem in einem höheren Niveau an Depressionen, Angstzuständen, Stress, Einsamkeit, sozialen Ängsten, Aufmerksamkeitsproblemen sowie geringerer Lebenszufriedenheit und Schlafqualität.“ Mehr als ein Drittel der Versuchsteilnehmer, 461 TikTok-Nutzer, wurden nach den Kriterien der Psychologen als TikTok-süchtig eingestuft.
Diskussionsfragen zum Thema:
- Welche psychologischen Auswirkungen hat die Nutzung von TikTok auf die Kinder und Jugendliche, insbesondere im Hinblick auf Selbstbild und soziale Interaktion?
- Wie verändert TikTok die Art und Weise, wie Bildungsinhalte vermittelt und aufgenommen werden? Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich daraus für das Lernen?
- Wie beeinflusst TikTok die politische Meinungsbildung und Mobilisierung, insbesondere unter jungen Wählern und welche Rolle spielen dabei virale Inhalte?
Aufgabe:
Hören Sie den Podcast Gefahr oder gute Unterhaltung, wie gefährlich ist TikTok an!


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