
Man kann sie auch Top Ten des Todes nennen – eine Liste mit Infektionskrankheiten, von denen eine besonders große Gefahr für eine verheerende Epidemie oder gar eine neue Pandemie ausgeht, wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit einigen Jahren regelmäßig veröffentlicht. Diese müssen dringend erforscht werden. Das Update vom März 2023 hat das Vogelgrippevirus H5N1 in die Liste aufgenommen.
Denn der der besonders ansteckende Vogelgrippestamm geht um die Welt. Nun breitet sich das Virus auch unter Säugetieren aus. Forschern macht das große Sorgen.
Das heißt, dass das Influenzavirus genauso gefährlich ist wie andere Krankheiten wie Ebola, Sars oder das Nipah-Virus, welches in den vergangenen Jahren in Süd- und Südostasien wiederholt kleine Ausbrüche hervorgerufen hat. Deshalb stimmen die meisten Wissenschaftler darin überein, dass eine Grippepandemie zu den plausibelsten Szenarien zählt. Aufgrund der Tatsache, dass die Gefahr besonders hoch ist und das Grippevirus unter den Pandemieerregern so offensichtlich und allgegenwärtig ist, dass es besonders erwähnt werden muss.

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Die Gefahr einer Vogelgrippepandemie ist im Moment wahrscheinlich so hoch wie nie zuvor. „Im Moment laufe ich durch die Gegend und sage immer: Bei allem Corona, vergesst die Influenza nicht“, behauptet Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit, dass dies unbedingt im Blick behalten werden muss.
Welche Grippeviren für Mensch und Tier riskant sind
Viren sind Erreger, die nicht als komplette Organismen betrachtet werden. Weil sie ohne Wirtszellen nicht reproduzieren können. Eine Art Anleitung, die die infizierten Zellen dazu zwingt, neue Viren zu produzieren, wird durch Viren in Körperzellen eingeschlossen.
Virologen klassifizieren die Grippe in drei Arten: Influenza A, B und C. Anhand der Oberflächenmoleküle, auch als Hüllproteine bezeichnet, können die verschiedenen Subtypen unterschieden werden: H (bei Hämagglutinin gibt es 16 verschiedene Typen) und N (bei Neuraminidase gibt es neun Typen).
Einige Grippeviren, etwa A/H1N1 oder A/H3N2, sind hauptsächlich bei Menschen anzutreffen. Die saisonale Grippe wird von ihnen ausgelöst, die jeden Winter um sich greift. Andere Unterarten ziehen auch bestimmte Wirte vor: Vögel werden von H5- und H7-Typen der Influenza A infiziert; Pferde, Seehunde oder Reptilien werden von anderen infiziert. In der Regel überspringen Vogelgrippeviren nicht auf Menschen. Das Erbgut von Influenzaviren wird jedoch kontinuierlich neu gemischt. Viren, die in derselben Wirtszelle zusammenkommen, haben die Fähigkeit, Gene auszutauschen und einen Erreger mit neuartigen Merkmalen zu produzieren. Auf diese Weise können Virusarten wie H5N1 und H7N9 der Vogelgrippe entstehen, die Menschen krank machen. Wenn ein solcher Erreger eine Übertragung von Mensch zu Mensch ermöglicht, besteht die Gefahr einer Pandemie.
Während die Menschheit damit beschäftigt war, Covid-19 zu bekämpfen, hat sich das Vogelgrippevirus H5N1 nicht nur erheblich verändert und auf nie dagewesene Weise weltweit verbreitet. Es gibt zunehmend Warnsignale, dass das Virus möglicherweise lernt, sich von Säugetier zu Säugetier zu verbreiten. Dies wäre der letzte Schritt zu einem pandemischen Erreger.

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Der Aufstieg des hochgefährlichen H5N1-Virus begann 1996, als es erstmals auf einer Gänsefarm in der chinesischen Provinz Guangdong entdeckt wurde. Ein Jahr später verursachte das Virus einen großen Ausbruch bei Geflügel in Hongkong. Damals infizierten sich auch 18 Menschen, von denen sechs starben. Eine neue Grippepandemie schien plötzlich greifbar nahe. Doch dann geschah zunächst wenig.
In der Regel endet die Infektionskette bei den Menschen, wenn das Virus gelegentlich auf sie überspringt, da die Infizierten das Virus nicht weitergeben. Daher verschwand das Virus auch nach dem Ausbruch in Hongkong wieder. In den folgenden Jahren kam es in Südostasien wiederholt zu Ausbrüchen bei Geflügel, wobei H5N1 in der Region zirkulierte und sich nur langsam veränderte. Im Jahr 2005 tauchte das Virus dann bei Zugvögeln auf, die es seither in mehreren Wellen weltweit verbreitet haben.
Bereits über 150 Millionen Vögel wurden getötet
Im Jahr 2020 entwickelte sich eine neue Variante des H5N1-Virus, die von Forschern als Klade 2.3.4.4b bezeichnet wird, vermutlich durch Rekombination. Grippeviren sind Meister der genetischen Neukombination: Wenn zwei unterschiedliche Grippeviren gleichzeitig ein Tier oder einen Menschen infizieren und in dieselbe Zelle eindringen, können sie ihr Erbgut vermischen. Durch die Neukombination der acht Segmente des viralen Erbguts entstehen plötzliche Veränderungen des Virus. Diese sind oft evolutionäre Sackgassen, aber in einigen Fällen tragen sie zur Weiterentwicklung des Virus bei. Für den neuen H5N1-Stamm scheint dies der Fall zu sein.
Das Virus wurde erstmals in Europa entdeckt, verbreitete sich jedoch rasch. Es erreichte Afrika, den Mittleren Osten und Asien, überquerte den Atlantik und erreichte Nordamerika. Im vergangenen Herbst erreichte es schließlich auch Südamerika, wo es noch nie ein H5N1-Grippevirus geschafft hatte. Das Virus scheint gut an Wildvögel angepasst zu sein.
Das ist schon jetzt zu spüren. Vielen Menschen ist auch unbekannt, welche schrecklichen Folgen das Virus für die Wildvögel hat und welche Tragödien es für das Geflügel verursacht. Aus Sicherheitsgründen muss der gesamte Bestand, wo immer das Virus in Geflügelbetrieben auftaucht, getötet werden. Das geschieht in den meisten Ländern auf grausame Weise: Die Tiere werden erstickt, indem die Lüftungen ausgeschaltet werden. Es wird VSD genannt, ventilation shutdown. Als VSD Plus wird das Verfahren bezeichnet, bei dem die Heizung aktiviert oder Kohlendioxid eingeleitet wird. So sind in den letzten beiden Jahren über 150 Millionen Vögel gestorben.
Die Tatsache, dass sich das Virus jetzt so weit verbreitet hat, hat zur Folge, dass auch andere Tiere immer öfter infiziert werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eine umfassende Liste von Säugetieren veröffentlicht, bei denen H5N1-Infektionen bestätigt wurden. Dachse und Delfine sowie Frettchen, Füchse und Fischotter sind auf ihnen anzutreffen. Drei junge Grizzlybären aus Montana, den Vereinigten Staaten, hatten eine so schwere Vogelgrippe, dass sie umgebracht werden mussten.
Eine Anpassung an die Ausbreitung von Säugetier zu Säugetier – und damit auch an den Menschen – ist eine der letzten Änderungen des Virus, die Forscher aufmerksam verfolgen. In der Tat hat das Fachmagazin Eurosurveillance Ende Januar eine Studie veröffentlicht, die darauf hindeutet, dass das Virus dies schon einmal getan hat. Es scheint, dass sich im Oktober 2022 Nerze auf einer Farm in Nordspanien gegenseitig ansteckten. Auf dem Bauernhof wurden mehr als 50.000 Tiere getötet und die Arbeiter in Quarantäne gebracht. Es bleibt unklar, wie das Virus in die Nerze übergelaufen ist. Möglicherweise hat eines der Tiere einen Wildvogel aus dem Käfig herausgegriffen. Erst waren in einer Scheune nur wenige Nerze gestorben, dann wuchsen die Fälle toter Tiere in den benachbarten Scheunen. Ein Hinweis darauf, dass sich das Virus von Tier zu Tier tatsächlich verbreitet hat.
Ein genauer Blick auf das Erbgut bestätigte den Verdacht: Als Forscher das Virus sequenzierten, entdeckten sie mehrere genetische Veränderungen, darunter eine namens T271A, die typisch für die Anpassung an Säugetiere ist. Wie gut das Virus sich bereits an die Übertragung zwischen Säugetieren angepasst hat, müsse nun untersucht werden, sagt Isabella Monne vom EU-Referenzlabor für Vogelgrippeviren, die an der Studie beteiligt war. Es gibt jedoch weitere Mutationen, die das Virus noch gefährlicher für Säugetiere machen könnten und die das Nerzvirus bisher nicht aufweist. Forscher befürchten jedoch, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis diese Mutationen bei einem Virus auftreten, wenn es sich einmal unter Säugetieren verbreitet.
Es gibt nur wenige Erreger, die so genau überwacht werden wie Influenza
Es ist offensichtlich, dass auf Nerzfarmen zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen erforderlich wären. Es ist auch notwendig, die Tiere von Wildvögeln fernzuhalten. Da die Raubtiere, die sich in der Natur mit Vogelgrippe anstecken, normalerweise Einzelgänger sind, ist es ein menschgemachtes Problem. Denn dort, wo Zehntausende solcher Tiere zusammengepfercht sind, hat sich das Virus am besten übertragen können.
Bereits bei Covid-19 standen Nerzfarmen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Sars-CoV-2 hatte sich bei Tieren ausgebreitet, sich verändert und war dann in einigen Fällen wieder auf Menschen übergesprungen, etwa in den Niederlanden und Dänemark. Die Forscher befürchteten, die Nerzfarmen könnten zu Fabriken von Virustypen werden. Es ist äußerst besorgniserregend, dass sich nun etwas Ähnliches bei H5N1 ereignet hat, denn auf diese Weise kann eine H5N1-Pandemie ausbrechen.
Es ist nicht klar, wie eine solche Pandemie genau sein würde. In der Vergangenheit sind über die Hälfte der mit H5N1 infizierten Personen gestorben. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass der neue H5N1 weniger tödlich sein kann. Es gab bisher 6 Fälle von Menschen: In China ist eine Frau gestorben und in Vietnam ist ein vierjähriges Mädchen schwer krank geworden. Die vier anderen, die in Spanien, England und den Vereinigten Staaten infiziert waren, zeigten wenig oder gar keine Anzeichen. Das sind auf der einen Seite gute Neuigkeiten. Da das Virus jedoch beginnen kann, sich auszubreiten, ohne dass man es weiß – und es somit noch mehr Chancen hat, sich an den Menschen anzupassen – könnten viele leichte Verläufe im Endeffekt sogar gefährlicher sein.
Im Gegensatz zu vielen anderen Erregern wird die Entwicklung der Grippeviren zumindest sorgfältig beobachtet und es werden kontinuierlich neue Impfstoffkandidaten entwickelt. Bereits jetzt wird an einem Impfstoffkandidaten für das neuartige H5N1-Virus gearbeitet. Es ist jedoch noch unklar, wie wirksam dieser sein wird, da sich das Virus genetisch wahrscheinlich erneut verändern wird, wenn es tatsächlich von Mensch zu Mensch übertragen wird. Zudem müssten Grippeimpfstoffe in großem Umfang produziert werden, was bedeutet, dass das Virus in Millionen von Hühnereiern gezüchtet werden muss. Wegen der Vogelgrippe sind aber Eier nämlich knapp.
Diskussionsfragen zum Thema:
- Welche spezifischen Maßnahmen sollten Regierungen und internationale Organisationen ergreifen, um die Gefahr einer Vogelgrippepandemie einzudämmen?
- Sollten Massentierhaltungseinrichtungen aufgrund ihres Risikos für die öffentliche Gesundheit und das Auftreten von Krankheiten wie H5N1 eingestellt oder stärker reguliert werden? Welche Alternativen gibt es?
- Welche innovativen Ansätze könnten verwendet werden, um die Produktion von Impfstoffen zu verbessern und die Reaktionsfähigkeit auf potenzielle Grippepandemien zu erhöhen?
