Seit der Teillegalisierung stellen sich viele die Frage, wie man ein Rezept für Cannabis erhält. Medizinisches Cannabis hat mittlerweile denselben Status wie starke Schmerzmittel und Antidepressiva. Ein herkömmliches Rezept reicht aus, um es verschrieben zu bekommen, und diese Möglichkeit wird von einigen ausgenutzt. Auch Autofahrer dürfen sich über das neue Cannabisgesezt im Straßenverkehr freuen.

Das Frankfurter Telemedizin-Unternehmen Algea Care lockte allein in den ersten drei Apriltagen mit einem Angebot für „Cannabis auf Rezept für nur einen Euro“ 50.000 Menschen auf seine Website. Die Anmeldungen auf der Plattform, die Patienten an Ärzte vermittelt, haben sich seit dem Beginn der Aktion am 1. April mehr als verzehnfacht im Vergleich zu den Vormonaten. Der Server des Unternehmens brach zwischenzeitlich an Ostern zusammen.
Was bedeutet die Legalisierung von Cannabis in Deutschland?
Das Cannabisgesetz besagt, dass Personen im Alter von 18 Jahren und darüber bis zu 25 Gramm getrocknetes Cannabis bei sich tragen dürfen. Sie können zu Hause bis zu 50 Gramm lagern. Außerdem haben sie die Erlaubnis, bis zu drei Cannabispflanzen zu Hause anzubauen, die sie selbst konsumieren können. Medizinisches Cannabis wird auch nicht mehr als Betäubungsmittel betrachtet, sondern nimmt denselben Status wie starke Schmerzmittel und Antidepressiva ein. Ein herkömmliches Rezept genügt nun, um es zu erhalten.
Deshalb ist die Nachfrage nach medizinischen Cannabisblüten seit dem 1. April extrem gestiegen. Die Online-Apotheke Cannabisapo24 berichtet auf ihrer Website, dass sie derzeit aufgrund vieler Bestellwünsche keine Rezepte für Cannabis mehr annehmen kann. Laut Schätzungen des Verbandes der Cannabis versorgenden Apotheken (VCA) hat sich die Zahl der zu bearbeitenden Cannabisrezepte in den ersten Aprilwochen verfünffacht.
Der Hauptgrund für diesen Anstieg liegt in der neuen Gesetzeslage. Bis vor Kurzem hatten nur chronisch Kranke die Möglichkeit, sich Cannabis auf Rezept verschreiben zu lassen, und das auch nur dann, wenn andere Therapien bereits erfolglos waren. Diese Situation hat sich seit der Teillegalisierung am 1. April geändert.
Was muss man machen um medizinisches Cannabis zu
bekommen?
Die Diskussionen auf Online-Portalen drehen sich darum, wie man am besten ein Rezept für medizinisches Cannabis bekommt. Die neue Gesetzeslage hat dazu geführt, dass einige Menschen versuchen, sich Cannabisrezepte zu erschleichen. Auf Online-Portalen wie Reddit tauschen sie Tipps aus, wie man am besten vorgibt, bestimmte Symptome zu haben – vor allem Schlafstörungen sind beliebt. Die vorübergehende Versorgungslücke, die durch das Cannabis-Gesetz der Ampelkoalition entstanden ist, hat diesen Missbrauch indirekt provoziert. Obwohl der begrenzte Anbau von Cannabis in Vereinen und Wohnungen erlaubt wurde, stehen bis zur ersten Ernte im Sommer oder Herbst keine legalen Bezugsquellen zur Verfügung, außer Apotheken. Dies hat Kritik hervorgerufen, da die Apotheken damit unfreiwillig eine Nische füllen.

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Eine wichtige Rolle beim Beschaffen von medizinischem Cannabis spielen Telemedizin-Plattformen wie Algea Care, die mit ihrer Ein-Euro-Aktion Aufmerksamkeit erregen. Es gibt mittlerweile etwa drei Dutzend solcher Anbieter in Deutschland, darunter Telecan, Canngo oder Canncura. Laut dem Apotheken-Verband VCA kommen derzeit rund 90 Prozent aller Cannabisrezepte über diese Kanäle. Die Zahl der Anfragen hat sich auch hier in den ersten Aprilwochen im Vergleich zu den Vormonaten verfünffacht.
Obwohl Telemedizin nichts Neues ist und ursprünglich dazu gedacht war, Patienten, die nicht mobil sind, aus der Ferne zu behandeln, haben sich die Kanäle nun zu regelrechten Massenmedien entwickelt – insbesondere im Zusammenhang mit Cannabis. Anbieter wie Algea Care arbeiten mit einer Vielzahl von Ärzten zusammen, um den Menschen möglichst schnell und breit Rezepte zu verschaffen. Sie nutzen auch soziale Medien intensiv für Werbung, wobei prominente Persönlichkeiten wie der Rapper und Produzent Xatar als Markenbotschafter auftreten.
Was spricht für die Legalisierung und was sagen Ärzte zum Cannabiskonsum?
Die Cannabislegalisierung wird sehr wahrscheinlich den Schwarzmarkt eindämmen. Darüber hinaus könnte man die Qualität von legalen Drogen viel einfacher überwachen. Die Zahl verunreinigter Substanzen und Vergiftungen dürfte auch sinken. Man kann auch einen besseren Jugendschutz gewährleisten. Denn gerade junge Leute konsumieren Drogen und gehen viel leichtsinniger Risiken ein.
Trotzdem stehen viele Ärzte der Legalisierung von Cannabis kritisch gegenüber. Sie warnen vor den möglichen Risiken für die Gesundheit der Konsumierenden und den möglichen Folgen für die medizinische Versorgung.
Bei welchen Krankheiten kann Cannabis verschrieben
werden?
Cannabis findet hauptsächlich Anwendung bei chronischen Schmerzen, bei Spastiken, die mit Multipler Sklerose (MS) in Verbindung stehen, sowie bei der symptomatischen Behandlung von Krebspatienten. Wenn sich die Patienten bei diesen Anbietern registrieren, müssen sie einen Fragebogen zu ihren Vorerkrankungen und Symptomen ausfüllen. Bei Angabe von Symptomen wie Schlafstörungen werden ihnen sofort Terminvorschläge für ein Erstgespräch unterbreitet. Für solche Gespräche werden keine Arztbriefe oder Diagnosen mehr verlangt, außer bei psychischen Erkrankungen oder ADHS. Die Erstgespräche finden normalerweise per Videocall statt und dauern 15 bis 30 Minuten, und in den meisten Fällen enden sie mit einem Rezept.
Wie viel kostet Cannabis auf Rezept?
Aufgrund der Entwicklung ärztlicher Verschreibungen ändert das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) den Preis für Medizinal-Cannabisblüten. Die Patienten erhalten Cannabissorten mit einem hohen THC-Gehalt, das sie diese bevorzugen. Apotheken fragen daraufhin weniger nach den vom BfArM angebotenen Sorten mit niedrigerer THC-Konzentration. Aus diesem Grund erhöht das BfArM den Verkaufspreis, der auf einer Mischkalkulation beruht, vom 1.7.2023 auf 5,80 Euro pro Gramm.
Die Plattformen verdienen dabei gut. Sie erhalten einen Teil des Honorars, das die Patienten für die Sprechstunden bezahlen, und behalten einen gewissen Prozentsatz des Honorars der Ärzte. Die Preise für diese Dienste können hoch sein. Vor der Ein-Euro-Aktion nahm Algea Care beispielsweise rund 125 Euro pro Erstgespräch und weitere 116 Euro für jede Folgesitzung ein. Die Preise sollen jedoch auf etwa 50 Euro für Online-Konsultationen und 70 Euro für Vor-Ort-Termine reduziert werden.
Einige Start-ups, wie Algea Care, sind Teil größerer Unternehmen, die verschiedene Bereiche der Wertschöpfungskette abdecken. Zum Beispiel gehört Algea Care zur Bloomwell Group, die auch einen Großhändler und einen Apotheken-Marktplatz betreibt. Dies ermöglicht es den Unternehmen, von der Patientenregistrierung über die ärztliche Konsultation bis hin zur Verschreibung und dem Verkauf des Cannabis ein umfassendes Geschäft zu betreiben.
Trotz des großen Ansturms haben einige Anbieter derzeit Probleme mit ihrem Service. Die Wartezeiten für Erstgespräche können sehr lang sein, und es gab Beschwerden darüber, dass bereits bezahlte Sprechstunden kurzfristig storniert wurden.
Sind die Geschäfte der Cannabis-Anbieter legal?
Die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs hat bestimmte Geschäftspraktiken von Algea Care für illegal erklärt und 2023 Klage gegen das Unternehmen erhoben. Sie wirft dem Start-up vor, den kooperierenden Ärzten vertraglich keine andere Wahl zu lassen, als Cannabis zu verschreiben, was gegen das Berufsrecht verstoße. Dies würde bedeuten, dass Ärzte möglicherweise nicht angemessen untersuchen und Diagnosen stellen, sondern sofort Cannabis verschreiben, was gegen die üblichen medizinischen Standards verstößt.

Hören Sie den Podcast Cannabis-Legalisierung: Gefährlich und teuer für uns alle an!
Das Landgericht in Frankfurt hat diesem Standpunkt des Marktwächters zugestimmt, aber Algea Care hat Berufung eingelegt. Das Unternehmen argumentiert, dass die Ärzte völlig eigenständig entscheiden, ob und welche Medikamente sie verschreiben möchten, und dass sie keinen Einfluss darauf nehmen. Die Wettbewerbszentrale hofft auf ein rechtskräftiges Urteil, das eine Signalwirkung haben könnte. Sie befürchtet, dass solche Praktiken, wenn sie akzeptiert werden, dazu führen könnten, dass Ärzte nur noch angeheuert werden, um bestimmte Produkte zu verschreiben, was letztendlich nicht im besten Interesse der Patienten wäre.
Sorge um die Trennung zwischen Patienten und Freizeitkonsumenten
Die aktuelle Situation rund um die Teillegalisierung von medizinischem Cannabis stößt auch auf Kritik seitens des Bundes Deutscher Cannabis-Patienten. Ihr politischer Sprecher Michael Kambeck äußert Bedenken darüber, dass die Trennung zwischen Patienten und Freizeitkonsumenten durch die neue Gesetzeslage nicht klar genug ist. Die vermehrte Anzahl von Freizeitkonsumenten, die sich Cannabisrezepte erschleichen, führt zu einem negativen Image für die meist chronisch leidenden Patienten. Sie müssen sich nun mit mehr Vorurteilen und Fragen auseinandersetzen als zuvor. Zudem befürchtet Kambeck, dass aufgrund des Ansturms bestimmte Sorten von medizinischem Cannabis knapp werden könnten, was die Versorgung von Langzeitpatienten beeinträchtigen könnte. Der Apotheken-Verband VCA bestätigt, dass es bereits zu Lieferengpässen gekommen ist.
Dem gegenüber steht die Meinung von Niklas Kouparanis, dem Geschäftsführer von Bloomwell, der Muttergesellschaft von Algea Care. Er verteidigt die Neuregelung des Zugangs zu medizinischem Cannabis und argumentiert, dass diese Änderung dazu diene, Patienten mit Volkskrankheiten wie Schlafstörungen besser zu versorgen. Er glaubt, dass die gestiegene Nachfrage nicht hauptsächlich auf Freizeitkonsumenten zurückzuführen ist, sondern auf Patienten mit echten medizinischen Bedürfnissen. Kouparanis weist darauf hin, dass nicht jeder einfach ein Rezept erhalten kann und dass falsche Angaben einen Straftatbestand darstellen würden. Er betrachtet es als Anzeichen von Stigmatisierung, dass Patienten mit Symptomen wie Schlafstörungen vorgeworfen wird, sich Rezepte zu erschleichen.
Der Apotheken-Verband VCA hingegen glaubt, dass der große Hype rund um die Teillegalisierung bald abklingen wird und sich die Verkaufszahlen auf einem höheren Niveau normalisieren werden. Dies werde spätestens der Fall sein, wenn die ersten Freizeitpflanzen geerntet werden können.
Diskussionsfragen zum Thema:
- Wie bewerten Sie die Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland, bringt sie mehr Vorteile oder mehr Nachteile?
- Welche Ziele verfolgt die Bundesregierung mit der Legalisierung von Cannabis und wie soll der Jugendschutz dabei gewährleistet werden?
- Wie beeinflusst die Legalisierung den Schwarzmarkt und die Preise für Cannabis und welche medizinische Risiken könnten damit einhergehen?
Aufgabe:
Sehen Sie sich den Film Cannabis für alle an!


6 Gedanken zu “Was die Legalisierung von Cannabis in Deutschland bedeutet”