
Wie viele Atomwaffen gibt es und wie viele wären nötig, um die Welt zu zerstören
Studien zufolge gibt es weltweit etwa 12.500 Atomsprengköpfe, die genug Zerstörungskraft besitzen, um die Menschheit 150 Mal auszulöschen. Die Sprengkraft einer einzelnen Atomwaffe kann allerdings stark variieren. Die Atombomben zum Beispiel, die auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, hatten eine Sprengkraft zwischen 13-20 Kilotonnen. Moderne Kernwaffen können jedoch eine Sprengkraft von mehreren Hundert Kilotonnen bis hin zu mehreren Megatonnen TNT haben. Die Gesamtsprengkraft des weltweiten Arsenals am Ende des Kalten Krieges entsprach mehr als 800.000 Hiroshima-Bomben.
Wie es zu einem Atomkrieg kommen könnte – 72 Minuten bis zum Weltuntergang
Nichts kann dem fliegenden Auge entgehen. Der amerikanische SBIRS-Überwachungssatellit kann ein brennendes Streichholz auch von 300 Kilometern Entfernung aus sehen. An einem Morgen im Frühjahr ruft er den Alarm. Seine Sensoren erspähen durch die geschlossene Wolkendecke den Feuerschweif einer in Nordkorea gestarteten Interkontinentalrakete, die nun auf die USA zusteuert. Von jetzt an bleiben nur noch 72 Minuten bis zum Untergang der Welt. Die Menschheit wird sich vor dem Sonnenuntergang noch am selben Tag in die Steinzeit zurückgebombt haben.
Aber wie realistisch ist es, dass eine Interkontinentalrakete, die aus Nordkorea abgefeuert wurde, aus Versehen den Dritten Weltkrieg auslöst? Die US-Sicherheitsexpertin und Investigativjournalistin Annie Jacobsen beschreibt diese Situation in ihrem neuen Buch „Nuclear War“ beängstigend realistisch.
„Nuclear War“, das auf Deutsch unter dem Titel „72 Minuten bis zur Vernichtung“ veröffentlicht wurde, hat sechshundert Fußnoten und stellt ein Szenario dar, an dessen Ende die menschliche Zivilisation in Trümmern liegt. Jacobson führte über mehrere Jahre hinweg Interviews mit Personen, die in hochrangigen Positionen in amerikanischen Sicherheitseinrichtungen gearbeitet haben, darunter mit ehemaligen Ministern, Waffenentwicklern, Generälen und Geheimdienstlern.
Die Warnungen von William Perry, der als Verteidigungsminister von US-Präsident Bill Clinton gedient hatte, sind besonders auffällig. Perry behauptet, dass viele Menschen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion davon ausgegangen seien, dass es keine nukleare Kriegsgefahr mehr gebe. Das Gegenteil stimmt: „Selbst wenn es nur wegen eines Irrtums passiert, sind wir heute näher an einem Atomkrieg als damals während des Kalten Krieges.“
Nordkorea hatte zum Beispiel während des Kalten Krieges keine Nuklearwaffen. Und es scheint, dass die Sowjetunion zuverlässiger war, als der russische Präsident Vladimir Putin heute. Die Sowjets strebten hauptsächlich danach, die Sowjetunion zu bewahren, während Putin derzeit einen Krieg gegen seine Nachbarländer führt.
Daher betrachtet Perry die Katastrophenvorhersage als realistisch. »Und dann findet die Zivilisation, wie wir sie kennen, ein Ende – das ist keine Übertreibung«, sagt der ehemalige Pentagon Chef. Das fiktive Szenario besagt, dass US-Militärs die Flugbahn ungefähr zehn Minuten nach dem Abschuss der Hwasong-17-Rakete aus Nordkorea berechnen können. Mit mehr als 20.000 km/h fliegt das Projektil in Richtung Washington. Mit diesem Tempo wird die Waffe die amerikanische Hauptstadt bereits in etwa 20 Minuten einäschern.
Launch on Warning – warum die Gefahr nicht in einzelnen Akteuren oder Waffen, sondern im System selbst liegt
Das Buch lässt offen, was Nordkorea zur Wahnsinnstat geführt hat. Wäre Diktator Kim Jong Un tatsächlich so wahnsinnig, dass er die USA angreifen könnte? Er denkt sich vielleicht vor, den unvermeidlichen Gegenschlag zu überstehen? Nach Angaben der US-Geheimdienste hat Nordkorea das größte unterirdische Bunkersystem der Welt über viele Jahrzehnte gebaut. Es wird behauptet, dass die Führung des Landes über genügend Nahrung, Wasser und Medikamente verfügt, um sich über Jahre hinweg unterirdisch zu verstecken.
Oder handelt es sich lediglich um ein Missverständnis, eine schreckliche Panne? Ist das ein Raketentest, der nicht mehr kontrolliert werden kann? Das fiktive Szenario lässt nicht erkennen, aus welchem Grund die Rakete abgeschossen wurde. Pjöngjang schweigt, genau wie die Wirklichkeit. Nordkorea hatte von Januar 2022 bis Mai 2023 etwa 100 Raketentests durchgeführt. Das Land hat keines davon zuvor angekündigt.
Das Schockierende: Es spielt keine Rolle, ob der Start absichtlich oder versehentlich stattfand. Ebenso stellt sich die Frage, ob der Flugkörper wirklich einen Atomsprengkopf trägt. Der Anflug jeder ballistischen Rakete kann nach der Irrsinnslogik der militärischen Abschreckung bereits einen folgenschweren Automatismus auslösen.
Was die Atomdoktrin der USA besagt
Die jahrzehntelange Atomkriegsdoktrin „Launch on Warning“ ist dafür verantwortlich. Im Wesentlichen heißt es darin, dass die USA Atomraketen bereits in Betrieb nehmen, wenn ihre Frühwarnsysteme Alarm auslösen. Sie würden es kaum erwarten, dass eine vermutete Atomwaffe eines Feindes tatsächlich explodiert und eine Großstadt wie New York, San Francisco oder Washington ausradiert.
Bereits George W. Bush, der ehemalige Präsident, hielt diese Strategie für feuergefährlich. Bei einem öffentlichen Auftritt im Wahlkampf 2000 versprach er ihr, sie zu entschärfen. Barack Obama, sein Nachfolger, hatte ebenfalls den Wunsch, die Doktrin abzuschaffen. Das Risiko von katastrophalen Unfällen oder Fehleinschätzungen steigt, wenn Atomwaffen in einem Zustand gehalten werden, in dem sie innerhalb weniger Augenblicke zum Einsatz gebracht werden können.
Aber die „Lauch on Warning“-Strategie für den Atomkrieg ist bis heute gültig. Der Grund: Laut dem Kalkül der Militärs soll ein rascher Gegenschlag verhindern, dass der Feind noch mehr Atomwaffen abfeuert, insbesondere bei einem begrenzten Angriff.
Niemand weiß, wie sich ein amerikanischer Präsident im Ernstfall entscheiden würde. Als Oberbefehlshaber stünde es ihm frei, den Einsatz von Atombomben so lange wie möglich hinauszuzögern oder sogar ganz abzulehnen. Eines ist sicher: Er hätte keine Zeit zu handeln. Ihm bliebe kaum eine Zigarettenlänge.
In seinen Memoiren gestand der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan, wie unmenschlich er sich in einer solchen Drucksituation empfand. Reagan schrieb: „Sechs Minuten, um zu entscheiden, ob man Armageddon einleitet; um zu entscheiden, wie man auf einen Punkt auf einem Radarschirm reagiert.“ »Wie kann in so einem Zeitraum jemand vernünftig handeln?«
Wann sieht Russland eigenes Territorium angegriffen
Wie wahrscheinlich ist ein versehentlicher Atomkrieg? Im vorgestellten Szenario bemühen sich die US-Militärs zunächst, den gegnerischen Flugkörper zu zerstören. Aber die amerikanische Raketenabwehr ist nicht zuverlässig: Jeder zweite Abfangtest hat in der Vergangenheit versagt. Auch dieses Mal: Abfangraketen rasen auf die nordkoreanische Rakete zu, etwa zehn Minuten nachdem sie gestartet waren – und alle fliegen vorbei.
Der US-Präsident gibt dem Druck der Sicherheitsberater und Militärs nach, nachdem die Abwehr misslungen ist. Er ordnet „Option Charlie“ an, um zusätzliche Angriffe aus Nordkorea zu verhindern. Auf Nord Korea werden insgesamt 82 Atomsprengköpfe abgeschossen. Sie sollen Kim Jong Uns Führung und Atomraketen ausschalten.
Der Gegenschlag bringt den Amerikanern ein großes Risiko mit sich. Die Interkontinentalraketen vom Typ Minuteman III fliegen über russisches Staatsgebiet und Moskau könnte denken, dass es angegriffen wird. Darüber hinaus sind die russischen Frühwarnsatelliten ein erheblicher Risikofaktor, denn sie sind viel ungenauer als die amerikanischen.
Natürlich würde die US-Regierung alles tun, um einen Fehler zu vermeiden und versuchen, die Führung Russlands zu informieren. Doch wie ein Zwischenfall aus dem Ukrainekrieg verdeutlicht, ist dies nicht immer völlig leicht. Im November 2022 hatte die Nato Angst vor einem russischen Angriff, als eine Rakete in einem polnischen Grenzort einschlug. Dieser war in Wirklichkeit eine ukrainische Abwehrrakete. Der US-Generalstabschef musste am nächsten Tag zugeben, dass er seinen russischen Amtskollegen nicht ans Telefon bekommen konnte.
Die Amerikaner schaffen es nicht, den Russen rechtzeitig zu sagen, dass die Minuteman-Raketen in Richtung Nordkorea fliegen. Die Nerven der russischen Führung schwinden. Das Land startet Hunderte Interkontinentalraketen aus Angst, dass die Amerikaner das russische Atomwaffenarsenal in einem Enthauptungsschlag gezielt ausschalten könnten. Innerhalb einer halben Stunde erreichen sie ihre Ziele in den Vereinigten Staaten. Die Amerikaner reagieren zuvor mit einem genauso katastrophalen Gegenschlag („Option Alpha“). Das ist ein maximaler Atomkrieg.
Was sind die Folgen eines Atomkrieges und wie würde das Leben nach einem Atomkrieg aussehen
Glücklicherweise ist das Szenario des Buches äußerst unwahrscheinlich, denn gleichzeitig müssten dafür sehr viele Fehler auftreten.
Die kurzen Reaktionszeiten sind aber vor allem besonders besorgniserregend. Wenn die Situation außer Kontrolle geraten ist, besteht die Gefahr der größten Massenvernichtung in der Geschichte. Thermonukleare Sprengkörper mit einer Stärke von bis zu fünfzigmal der Atombombe, die die japanische Stadt Hiroshima am 6. August 1945 zerstörte, würden tausendfach detonieren und die Welt zu einem Ödland machen.
So schnell wie keine Waffe zuvor würde eine einzige Wasserstoffbombe über einer Großstadt sehr viele Menschen töten können. Der Lichtblitz würde die Luft auf 100 Millionen Grad Celsius erwärmen, da er vieltausendfach heller als die Sonne ist. In wenigen Sekunden würde der riesige Feuerball aus Menschen und Tieren, Häusern und Bäumen, Straßen und Brücken Asche werden lassen. Millionen Menschen würden sofort sterben oder im Sterben liegen. Die Druckwelle würde alles und jeden in einem Umkreis von fünf Kilometern auslöschen.
Feuerstürme entstünden noch 15 bis 20 Kilometer vom Explosionsort entfernt. Diese würden sich zu einem Megafeuer zusammenschlössen, wenn sich Winde wie ein Hurrikan entfalten. Die wenigen Überlebenden würden im Schockzustand herumlaufen und später an den tödlichen Verletzungen sterben, während Menschen überall lebendig verbrennen. Es würde keine Elektrizität geben, kein Notruf, kein sauberes Wasser.
Hunderte große Städte auf der Nordhalbkugel würden von solchen Höllenfeuern heimgesucht werden. Die Flächenbrände ließen 150 Millionen Tonnen Ruß in die Atmosphäre der Erde fallen, was dazu führte, dass das Sonnenlicht abschirmen würde. Die durchschnittliche Temperatur der Welt würde um 15 Grad fallen. Die Ernten werden durch den nuklearen Winter zerstört; an vielen Orten kollabiert die Landwirtschaft vollständig; Hungersnöte verbreiten sich in großen Teilen der Welt.
Welches Land wäre in einem Atomkrieg sicher?
Ein globaler Atomkrieg wäre kaum zu überleben, unabhängig davon, wo mann lebt. Sicherer wäre jedoch in den südlichen Breiten, weit entfernt von dem radioaktiven Niederschlag. Die USA und Kanada, Europa, Ost- und Zentralasien sowie die mittleren Breiten der Nordhalbkugel sind die am stärksten betroffenen Regionen. Menschen in Australien, Neuseeland und Argentinien sind die am ehesten überlebenden Staaten. Doch selbst dort würden sie unterernährt sein, krank sein und unter Kälte und Dunkelheit leiden.
Wie lange würde es dauern, bis sich die Menschheit von einem Atomkrieg erholt?
Frühere Klimamodelle nahmen an, ein Atomwinter würde etwa ein Jahr dauern. Neue Berechnungen deuten nun darauf hin, dass die Eiszeit zehn Jahre dauern könnte. Darüber hinaus weiß die Buchautorin keinen Ausweg. Solange Atomwaffen existieren und in Atomkraft investiert wird, besteht weiterhin die Gefahr einer Selbstausrottung. Laut Jacobsen ist das die Wirklichkeit der Welt, in der wir alle leben. Es könnte morgen ein Atomkriegsszenario eintreten. Oder sogar jetzt schon. Und das wäre die weltweit größte Katastrophe, seit ein berggroßer Asteroid vor 66 Millionen Jahren die Erde getroffen und die Dinosaurier ausgelöscht hat.

Ein Gedanke zu “Wie realistisch ein Atomkrieg ist und wie die Welt danach aussehen würde”