Weniger Arbeit, das gleiche Geld, mehr Glück, höhere Effizienz. Die Vier-Tage-Woche, die 45 Unternehmen seit Februar testen, klingt wie ein Märchen. Welche Erfolgschancen hat das Projekt?

Ist das die Zukunft – drei Tage in der Woche zur freien Verfügung?
Es geht seit Februar los. 45 Organisationen und Unternehmen in Deutschland beabsichtigen, eine Vier-Tage-Woche für ein halbes Jahr einzuführen. Obwohl sie viel weniger Zeit im Büro (oder im Homeoffice) verbringen, erhalten die Mitarbeiter das volle Gehalt. Die Unternehmensberatung Intraprenör arbeitet mit der gemeinnützigen Organisation 4 Day Week Global (4DWG) zusammen, um das Ganze in Gang zu bringen.
Doch wie soll das gelingen, besonders in Deutschland, wo viele Unternehmen unter Fachkräftemangel leiden? Wäre es nicht sinnvoller, mehr Arbeit zu leisten anstelle von weniger?

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Die Befürworter behaupten, dass eine Vier-Tage-Woche die Produktivität der Mitarbeitenden steigert und somit gerade bei einem Fachkräftemangel helfen würde. Die Begründung lautet: Personen, die nur vier Tage anstelle von fünf arbeiten, sind motivierter und somit auch produktiver. Darüber hinaus wäre es möglich, Personen zu beschäftigen, die nicht dazu bereit sind, fünf Tage lang zu arbeiten. Dies würde zu einer Verringerung des Fachkräftemangels führen.
Die Vier-Tage-Woche wurde ebenfalls praktisch getestet. Die Organisation 4DWG betreibt seit 2019 solche Pilotprogramme in den USA, Australien, Südafrika, Großbritannien und anderen Ländern. Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation (NGO) waren mehr als 500 Unternehmen beteiligt. Es scheint, dass die Ergebnisse die Hoffnung auf die positiven Auswirkungen bestätigen.
Einige Länderliefern bereits positive Ergebnisse
Zum Beispiel das Vereinigte Königreich. 2900 Mitarbeiter waren an dem Vier-Tage-Wochen-Experiment beteiligt. In den Bereichen Finanzen, IT und Bauwesen, Online-Händler, Animationsstudios, Marketing und Imbissbuden waren sie beschäftigt.
Nach Angaben von Wissenschaftlern aus Cambridge und Boston sanken ihre Krankheitstage um etwa zwei Drittel. Nach dem Experiment gaben fast 40 % an, sich weniger gestresst zu fühlen als zuvor. Außerdem verringerte sich die Zahl der Mitarbeiter, die gekündigt haben, um 57 %. Die Forscher beobachteten damals jedoch vor allem eine durchschnittliche Umsatzsteigerung von etwa 1,4 %. Auch nach Abschluss der Testphase beabsichtigten 56 der 61 teilnehmenden Unternehmen, die Viertagewoche beizubehalten.
Nicht jeder möchte weniger arbeiten
Werden also die Deutschen ab Februar die Mitarbeiter, die vom Testprojekt profitieren, eifersüchtig ansehen? Nicht notwendigerweise, so eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung, die der Gewerkschaft nahesteht. Knapp drei Viertel der Vollzeitbeschäftigten wünschen sich daher eine Vier-Tage-Woche mit dem gleichen Gehalt. Acht Prozent halten eine Vier-Tage-Woche für vorteilhaft, selbst wenn der Lohn gesenkt wird. 17 Prozent sind jedoch gegen eine verkürzte Arbeitszeit.

Die Aussagekraft von Pilotstudien zur Vier-Tage-Woche ist nicht vielversprechend
Vor einigen Monaten bewarben sich die Firmen, die jetzt am Testprojekt der Vier-Tage-Woche in Deutschland teilnehmen. Arbeitsmarktexperte Enzo Weber, der die Ergebnisse der bisherigen Pilotprojekte kritisch betrachtet, glaubt, dass das Problem genau dort beginnt. Er studiert am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und an der Universität Regensburg.
Nur Unternehmen, für die eine Vier-Tage-Woche positiv wäre, würden sich für solche Projekte bewerben. Damit stellen sie keinen repräsentativen Wirtschaftsquerschnitt dar. Darüber hinaus hätte sich nicht nur die Arbeitszeit verringert, sondern es würden auch Abläufe und Strukturen verändert. Weber behauptet, dass eine Steigerung der Produktivität nicht unbedingt mit einer verkürzten Arbeitszeit in Verbindung stehen müsse.
Da Weber glaubt, dass eine Reduzierung des Arbeitstages höchstwahrscheinlich zu einer Arbeitsverdichtung führen würde, seien die positiven Ergebnisse auch fragwürdig. Es blieben keine sozialen, kommunikativen oder kreativen Elemente übrig. Unternehmen spüren in der Regel die Auswirkungen nicht sofort, sondern eher mittelfristig. Allerdings waren die Studien nur für sechs Monate gedacht.
Bedenken hinsichtlich der Steigerung der Produktivität
Darüber hinaus hält Holger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW Köln) eine Vier-Tage-Woche, die in Deutschland eingeführt wurde, für kontraproduktiv. Wenn alle Unternehmen die Arbeitszeit reduzieren, bleibt am Ende ein Arbeitszeitdefizit, so Schäfer: „Was in einzelwirtschaftlicher Betrachtung gegebenenfalls sinnvoll erscheinen mag – etwa, wenn mit der Vier-Tage-Woche knappe Arbeitskräfte von Mitbewerbern abgeworben werden können.“
Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass eine Reduzierung der Arbeitszeit die Produktivität erheblich erhöhen könnte. Eine Reduzierung der Arbeitszeit um 20 % wird durch die Verkürzung der Arbeitswoche von fünf auf vier Tage erreicht. Um den daraus resultierenden Produktionsrückgang auszugleichen, wäre eine Steigerung der Stundenproduktivität um 25 % notwendig. Schäfer betrachtet dies als utopisch.
Persönliche X-Tage-Woche
Im Handwerk wird deutlich, dass es in einzelnen Betrieben durchaus sinnvoll sein kann, eine Vier-Tage-Woche zu haben. Der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Jörg Dittrich, behauptet, dass dies die Attraktivität der Arbeitgeber erhöht und damit ihre Chancen im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte erhöht. Eine Vier-Tage-Woche würde jedoch in keinem Handwerksbetrieb gleichermaßen effektiv sein. Das Fazit von Dittrich lautet, dass ein allgemeiner rechtlicher Anspruch auf eine Vier-Tage-Woche für die Unternehmen nur zusätzliche Bürokratie und keine Hilfe darstellen würde.
Enzo Weber plädiert ebenfalls gegen einen gesetzlichen Anspruch und für individuelle Lösungen. Das nennt er X-Day-Woche. Dadurch erhält er Rückenwind aus dem Mittelstand. Darüber hinaus befürwortet Christoph Ahlhaus, Bundesgeschäftsführer des Bundesverbands Mittelständische Wirtschaft, dort individuelle Lösungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Im Gegensatz dazu lehnt der Mittelstand staatliche Einmischung ab, die weniger Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich bewirkt.
Trotz all dieser kritischen Argumente setzt sich die Gewerkschaft IG Metall bereits seit langem für eine Reduzierung der Arbeitszeiten ein. In der Stahlindustrie werden die Mitarbeiter derzeit lediglich 35 Stunden pro Woche beschäftigt.
Diskussionsfragen zum Thema:
- Welche Auswirkungen könnte eine 4-Tage-Arbeitswoche auf die Work-Life-Balance der Mitarbeiter haben und wie könnte dies die Produktivität beeinflussen?
- Wie könnten Unternehmen die Herausforderungen einer 4-Tage-Arbeitswoche, wie z.B. die Umstellung von Arbeitsabläufen und die Sicherstellung der Kundenbetreuung und Produktivität bewältigen?
- Welche langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen könnte eine 4-Tage-Arbeitswoche auf Branchen haben, die traditionell auf längere Arbeitszeiten angewiesen sind, wie z.B. das Gesundheitswesen oder die Gastronomie?

Ein Gedanke zu “Vier-Tage-Woche: Erfolg oder Risiko? Die Zukunft der Arbeitszeitgestaltung”