
Ein Logistikzentrum von Amazon
Im deutschen Online-Handel wird fast jedes vierte Produkt zurückgeschickt, was der Umwelt schadet und nur die Spitze des Müllbergs darstellt. Denn weitgehend unbemerkt zerstören Händler in großem Umfang Neuware. Die EU ergreift nun drastische Maßnahmen.
Das EU-Parlament hat in der vergangenen Woche mit überwältigender Mehrheit einen eindringlichen Appell ausgesprochen: „Es sollte mehr Wert auf Bekleidung gelegt werden, und sie sollte länger getragen und besser gepflegt werden, als es in der heutigen Fast-Fashion-Kultur der Fall ist.“
Brüssel geht jedoch über bloße Warnungen hinaus: In Zukunft wird es allen größeren Herstellern und Händlern untersagt, ungetragene Kleidung oder Schuhe zu zerstören. „Heute haben wir das Ende der Wegwerfkultur eingeläutet“, freute sich die Grünen-Abgeordnete Anna Cavazzini.
Die Entscheidung beleuchtet eine negative Seite der Konsumgesellschaft. Die Vernichtung von ungenutzter Ware betrifft zwar besonders die Modebranche, ist aber nicht auf sie beschränkt. Auch Elektrogeräte, Spielzeug und Drogerieartikel landen in der Müllverbrennung oder im Recycling. Markenprodukte von Kleidung bis zu Elektronik werden in versiegelten Behältern entsorgt, um zu verhindern, dass sie in den Umlauf gelangen und die Preise beeinträchtigen. Letztendlich müssen die Regale in den Geschäften Platz für Neuheiten schaffen – ebenso wie die Lager der Online-Händler.
Viele Verbraucher wissen nicht, wie groß das Ausmaß ist. Die öffentliche Diskussion konzentriert sich meist auf Rücksendungen im Online-Handel. Juliane Kronen wundert sich über die starke Aufmerksamkeit für diese Retouren: „Da wedelt der Schwanz mit dem Hund“, sagt die Betriebswirtin. Denn während sich Versender von Amazon bis Zalando längst auf die Verarbeitung dieser Rücksendungen eingestellt haben, belastet neben dem Überkonsum vor allem die Überproduktion die Umwelt. Es geht um unverkaufte Warenmengen, die vom Handel vernichtet werden.
„Das sind völlig normale Prozesse, auch im stationären Handel, über die man nicht spricht“, sagt sie. Kronen weiß, wovon sie spricht. Ein Erweckungserlebnis hatte sie während ihrer Zeit als Partnerin bei der Beratung BCG. Damals suchte ein Konsumgüterkonzern einen Weg, 200.000 Flaschen Shampoo mit fehlerhaftem Etikett an eine bedürftige Organisation weiterzuleiten.
Allerdings sei es nicht gelungen, schnell einen Abnehmer für eine derart große Menge zu finden und dabei sicherzustellen, dass die Ware nicht auf dem Graumarkt landet, berichtet Kronen. Das Shampoo sei entsorgt worden, weil das Lager innerhalb von 48 Stunden geräumt werden musste.
Das Erlebnis war für Kronen der Anstoß, ihr gemeinnütziges Unternehmen Innatura zu gründen. Das Team sammelt eigentlich zur Vernichtung vorgesehene Ware kostenlos bei Unternehmen ein, die so ihre Öko-Bilanz verbessern können. Innatura verkauft die Produkte per Online-Shop an Wohltätigkeitsorganisationen – von Nivea-Creme bis zu Bosch-Staubsaugern – für einen Bruchteil des Warenwerts.
Regelmäßig werden zwei bis drei Prozent der Ware vernichtet
Sie erklärt: „Wir profitieren von Händlern und Herstellern, die mehr produziert haben, als sie absetzen können.“ Sie rechnet damit, dass in Deutschland Konsumgüter im Wert von sieben Milliarden Euro regelmäßig vernichtet werden, also zwei bis drei Prozent der Ware. Von diesen ist ein Drittel einwandfrei. Aber auch weil Unternehmen Umsatzsteuer auf die kostenlos abgegebenen Mengen abführen müssen, kämen Spenden davon nur rund 100 Millionen Euro an. So ist das Entsorgen günstiger. Die Ampel-Koalition möchte dies jedoch ändern.
Der Leiter der Rechercheabteilung von Greenpeace in Hamburg, Manfred Redelfs, dokumentierte bereits im Jahr 2019 die entsprechende Vorgehensweise bei Amazon. Laut ihm bietet der Versender Marktplatzhändlern, die ihre eigenen Produkte in Amazon-Lagern unterbringen, die Entsorgung von Waren an. „Die sogenannte Obhutspflicht, die die Vernichtung von Neuware verhindern soll, ist seit 2020 gesetzlich vorgeschrieben“, sagt Redelfs. Aber in der Realität ist dies nur ein moralischer Appell, der wenig Wirkung hat.“ Weil es an Verordnungen fehlte, die Sanktionen festlegen.
Amazon hebt hervor, dass die Vernichtung bis heute lediglich als letzte Option genutzt werden kann. Ein Sprecher sagt: „Für uns wie für andere Händler ist die Entsorgung von Produkten – ökologisch und wirtschaftlich – die am wenigsten attraktive Option.“ Amazon entwickelt daher neue Angebote für Händler von Drittanbietern: „Unser Ziel ist es, die Wiederverwendung zu steigern und die Entsorgung von Produkten zu verringern, genauso wie wir es für unsere eigenen Gegenstände tun.“
Wenn dies erfolgreich wäre, würde der Online-Handel sogar im Vergleich zu herkömmlichen Ladengeschäften umweltfreundlicher sein – zumindest theoretisch. Björn Asdecker hat seinen Doktortitel in „Retourenmanagement im Versandhandel“ an der Universität Bamberg abgelegt.
Das Ergebnis einer zweistelligen Anzahl von Studien ist für ihn klar: Aus diesem Grund ist der Online-Handel ökologisch besser als der stationäre Handel. Aufgrund der Tatsache, dass ein Lieferwagen viele Pakete transportiert – im Gegensatz dazu gibt es viele Privatfahrten in die Innenstadt. Außerdem gibt es im Internetgeschäft keine großen Niederlassungen, die durch Klimaanlagen, Beleuchtung und Flächenverbrauch ökologische Belastungen darstellen.
Doch Asdecker warnt vor übereilten Schlussfolgerungen. „Alle diese Werke beschränken die Wirklichkeit auf einen Teil“, sagt der Fachmann. Er betrachtet E-Commerce nicht als grün. Weil: Die Online-Shops ihre Kunden bewusst dazu verführten, mehr zu konsumieren. Als Ergebnis vergleichender Studien sagt Asdecker: „Das ist schwer zu beziffern und fällt daher unter den Tisch.“
Das Problem wird vor allem durch die neuen Akteure in diesem Bereich verschärft. Mit spielerischen Elementen wie einem Rabatte-Glücksrad verbindet die chinesische App Temu ihren Online-Shop, während der Konkurrent Shein mit stündlich neuen Billigangeboten lockt. Das kann den Effekt eines guten Umgangs mit Rücksendungen übertönen. Eine Sprecherin von Shein behauptet: „Alle zurückgesendeten Teile gehen durch strenge Qualitätsprüfungen.“ Die Einbindung in den Lagerbestand würde die Notwendigkeit einer Herstellung neuer Teile verringern.
Demgegenüber verlangt Temu von Kunden, die keine Ware behalten möchten, manchmal sogar, dass sie Produkte direkt in den Abfall entsorgen. Dennoch gibt es das Geld zurück: In der Anleitung für Rücksendungen erklärt Temu: „Wenn du deinen Artikel nicht zurückschicken musst, ist dein letzter Schritt einfach, deine Rückerstattungsmethode auszuwählen.“ Amazon verhält sich unter spezifischen Umständen ähnlich. Denn die Aufbereitung von Retouren ist für Online-Shops bei billiger Ware von T-Shirts bis Ladekabeln nicht sinnvoll.
Die Bamberger Arbeitsgruppe von Asdecker schätzt, dass im deutschen Online-Handel fast jedes vierte Paket zurückgeschickt wird. Die Forscher schreiben: „Das sind schätzungsweise fast 530 Millionen Rücksendungen mit etwa 1,3 Milliarden Artikeln.“ Eine Studie der Universität Kassel zeigt, dass Kunden beim Kauf von Mode und Elektronik häufig nicht erwarten, die Ware zu behalten.
Auch spontan getätigte Einkäufe werden immer häufiger zurückgeschickt – nur wenige deutsche Händler fordern Gebühren. Die Rücksendung wird von den Anbietern langsam erschwert: Amazon hat gerade die Rücksendungsfrist verkürzt, und Zara, H&M und Uniqlo verlangen Portogebühren.
Schließlich bedeutet eine Rücksendung nur selten das sofortige Ende eines Produkts: Nur 1,3 % der Artikel werden direkt vom Händler beseitigt, während 93,2 % als neuwertig weiterverkauft werden. Gebrauchthändler oder spezielle Schnäppchenabteilungen der Online-Shops sind einige Beispiele für den Rest. Ein Großteil davon endet jedoch im Ausland. Und da ist die Spur verloren. Daher weiß niemand, wieviel Ware insgesamt zerstört wird. Oder doch – sehr viel.
Diskussionsfragen zum Thema:
- Wie beeinflusst die Wegwerfgesellschaft unser tägliches Konsumverhalten und welche langfristigen Auswirkungen hat dies auf die Umwelt?
- Inwiefern tragen Herstellungspraktiken und Marketingstrategien zur Förderung der Wegwerfmentalität bei und welche Verantwortung haben Unternehmen dabei?
- Welche Maßnahmen könnten auf politischer und gesellschaftlicher Ebene ergriffen werden, um das Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu stärken und die Wegwerfgesellschaft zu überwinden?
